Geschichte der Muscle Cars: von 135 auf 450 hp und zurück

Dunkelgrünes amerikanisches Muscle Car der späten 1960er mit Hood Scoops auf nasser Landstraße in der Steiermark

Der stärkste 454er im Chevrolet Chevelle leistete 1970 laut Werk 450 hp, 1972 waren es noch 270 hp, ein Minus von 40 Prozent. Ein Teil dieser Differenz steckt im Messverfahren, ein Teil im Benzin, ein Teil im Gesetz, und diese drei Dinge haben die Epoche der Muscle Cars beendet.

Dabei hat die Gattung nie eine amtliche Definition gehabt. Wer von Muscle Cars spricht, meint meist amerikanische Mittelklasse-Coupés der Jahre 1964 bis 1973 mit dem größten V8 des Hauses, und schon an dieser Grenze beginnt der Streit.

Was als Muscle Car gilt, und was nicht

Die engste Fassung beschreibt einen Zweitürer in Mittelklassegröße mit V8, Hinterradantrieb und Vierfachvergaser, gebaut für junge Käufer und für die Gerade, zum Neupreis von 3.000 bis 4.000 Dollar (Muscle Cars Illustrated). Ate Up With Motor macht daraus Messwerte: Viertelmeile unter 16 Sekunden bei mehr als 90 mph (145 km/h) Endgeschwindigkeit und mindestens 370 Kubikzoll Hubraum, das sind rund 6 Liter.

An den Rändern wird gestritten. Pony Cars wie Mustang und Camaro haben eigene Karosserien und fallen bei der strengen Lesart heraus. Der Chevrolet Nova SS war ein Kompaktwagen, der Mercury Marauder X-100 ein Fullsize-Modell, die Corvette ein Zweisitzer und damit ein Sportwagen. Der Boss 429 im Mustang gehört in beide Schubladen: Pony-Car-Karosserie, Rennmotor.

Auch der Name ist jünger als die Autos. Zeitgenossen sagten „Supercar“; „Muscle Car“ setzte sich laut Ate Up With Motor erst Jahre nach dem Ende der Originale durch. Als Erfinder des Wortes wird oft Brock Yates im Car and Driver genannt (so etwa Carbuzz). Eine Archivrecherche findet dafür keinen Beleg, dafür frühere Stellen: „muscle-car“ im Januar 1964 in Popular Mechanics für einen Land Rover, im Oktober 1965 in Popular Science für den Dodge Coronet mit Hemi 426 und im Juni 1967 in Road Test samt Definition vom kleinen Auto mit großem Motor.

Rezept von 1949, Serienwelle ab 1964

Die Rezeptur ist älter als der Begriff. 1949 setzte Oldsmobile den neuen Rocket-V8 mit 303 Kubikzoll (4,97 Liter) und 135 hp in die leichtere Karosserie der Reihe 76 und nannte das Ergebnis Oldsmobile 88. Die Reihe war mit 99.276 gebauten Wagen im ersten Jahr die meistverkaufte der Marke (RM Sotheby's). Gemessen wurden 13 Sekunden von 0 auf 60 mph und 97 mph (156 km/h) Spitze, wie ein Rückblick festhält. Carbuzz weist darauf hin, dass der 88 damals nicht als Muscle Car bezeichnet wurde.

Den Anfang der eigentlichen Welle markiert der Pontiac GTO von 1964, ein Optionspaket mit 389 Kubikzoll und bis zu 348 hp brutto. Seine Geschichte, die Stückzahlen und die Verkaufsargumente stehen im Porträt des Pontiac GTO.

Chevrolet baute 1965 den Chevelle Z16 mit dem 396er, 375 hp und 420 lb-ft. Es entstanden nur 201 Stück, das Paket kostete 1.501 Dollar (Mac's Motor City Garage). Es war nach einem konzerninternen Verbot der erste 396er in einem GM-Wagen, der kleiner war als ein Fullsize-Modell.

Bei Chrysler zwang die Rennserie die Hand. NASCAR sperrte den Rennmotor 426 Hemi 1965, weil er in keinem Straßenauto erhältlich war, und hob die Sperre 1966 auf, nachdem Chrysler eine Straßenversion in Charger, Coronet, Belvedere und Satellite anbot (Silodrome). Sie war mit 425 hp angegeben und kostete beim Charger knapp 900 Dollar Aufpreis auf rund 3.100 Dollar Grundpreis (SlashGear); nur 468 Hemi-Charger entstanden. Mehr zum Charger im Porträt.

1968 kam die Gegenbewegung nach unten. Der Plymouth Road Runner war das abgespeckte Muscle Car: ein 383er mit 335 hp (eine andere Quelle nennt 330) und ein Preis, der laut Conceptcarz zwischen 2.875 und 3.030 Dollar lag, während ein durchschnittlicher Neuwagen 2.822 Dollar kostete. Plymouth zahlte Warner Brothers 50.000 Dollar für Namen und „Beep Beep“-Hupe (MotorCities) und verkaufte im ersten Jahr 44.599 Stück. Die Absatzplanung nennt eine Quelle mit 20.000, mit einer Alternativangabe von 2.500; übertroffen wurde sie in beiden Fällen deutlich.

Von 135 auf 450 hp: die Leistungsleiter

Die Tabelle zeigt die Etappen. Alle Leistungen sind Werksangaben in hp nach SAE brutto, wenn nicht anders vermerkt; zur Umrechnung weiter unten.

JahrModellMotor, Leistung (hp)Bedeutung
1949Oldsmobile 88303 cui (5,0 l), 135Großer V8 in kleiner Karosserie, noch ohne den Begriff
1964Pontiac GTO389 cui (6,4 l), bis 348Optionspaket, das der Gattung ihr Vorbild gab
1965Chevrolet Chevelle Z16396 cui (6,5 l), 375201 Stück; erster 396er in einem GM-Mittelklassewagen
1966Dodge Charger und Schwestern426 cui (7,0 l) Hemi, 425Straßenversion, damit NASCAR den Motor wieder zuließ
1968Plymouth Road Runner383 cui (6,3 l), 33544.599 Stück, Preis nahe am Durchschnittsneuwagen
1969Ford Mustang Boss 429429 cui (7,0 l), 375Homologationsmodell für NASCAR, 1.358 Stück
1970Chevrolet Chevelle SS 454 LS6454 cui (7,4 l), 450Höchste Werksangabe dieser Tabelle, umgerechnet 456 PS
1971Chevrolet Chevelle SS 454 LS5454 cui, 365 brutto / 285 nettoVerdichtung auf rund 8,5:1 gesenkt
1972Chevrolet Chevelle 454 LS5454 cui, 270 nettoNur noch Netto-Angaben
2005Ford Mustang GT4,6 l, 300 (netto)Rückkehr der Retro-Optik

Die Literwerte sind aus Kubikzoll umgerechnet (1 cui = 16,387 cm³).

Der Gipfel im Modelljahr 1970

Der Chevelle SS 454 LS6 hatte laut Motogallery 450 hp bei 5.600/min und 11,25:1 Verdichtung; die Stückzahl von rund 4.475 gilt als weit verbreitete, nicht amtliche Angabe. Der Hemi im Plymouth ’Cuda kostete 871,45 Dollar Aufpreis auf ein Coupé für 3.164 Dollar und leistete 425 hp (Old Cars Weekly). Wie viele entstanden, ist offen: Supercars.net zählt 652 inklusive 14 Cabrios, Old Cars Weekly 652 Hardtops zuzüglich 14 Cabrios. Wegen des Preises wurde der 440er mit 390 hp zur üblichen Wahl.

Der Boss 429 war ein Zugeständnis an die Rennstrecke: 375 hp bei 5.200/min, 450 lb-ft, ein Neupreis von 4.798 Dollar im Jahr 1969 und eine Produktion, die NASCAR auf 500 Straßenfahrzeuge festgelegt hatte (Audrain Auto Museum). Geliefert wurden 1.358 Karosserien an den Umbauer Kar Kraft. Dodge stellte 1970 den Challenger dagegen, dessen Geschichte das Porträt zum Dodge Challenger erzählt.

Drei Bremsen: Versicherung, Sprit, Abgasgesetz

Zuerst traf es die Käufer. Ende 1969 kündigte der Präsident von Nationwide Mutual einen Zuschlag von 50 Prozent für Modelle des Jahrgangs 1970 an, die als „übermotorisiert“ galten (Yahoo Autos). Manche Versicherer nahmen Fahrer unter 25 mit Motoren über 400 Kubikzoll gar nicht mehr (Rush Experts). Nach Angabe von Kelley Blue Book kosteten Muscle Cars 1970 zwischen 3.500 und 4.000 Dollar, die Versicherung zusätzlich 1.000 bis 1.500 Dollar im Jahr.

Dann kam der Sprit. GM-Präsident Ed Cole kündigte im Januar 1970 an, die Verdichtung aller Motoren ab dem Modelljahr 1971 so zu senken, dass sie mit unverbleitem Benzin laufen. Beim Corvette-Motor LT-1 fiel die Verdichtung von 11,0:1 auf 9,0:1; der Camaro Z/28 verlor in den Messungen von Car and Driver fast 7 mph Endgeschwindigkeit auf die Viertelmeile (Ate Up With Motor). Der Z/28 sank von 360 auf 330 hp, der Buick GS Stage 1 von 360 auf 345 hp, der Pontiac Grand Prix mit 400er gleich um 50 hp (Carscoops).

Zuletzt das Gesetz. Präsident Nixon unterzeichnete den Clean Air Act am 31. Dezember 1970 und sagte dazu, bei voller Durchsetzung sinke der Ausstoß der Autos binnen vier Jahren um 90 Prozent. Das Gesetz verlangte für 1975 höchstens 10 Prozent der Kohlenmonoxid- und Kohlenwasserstoff-Werte von 1970, für 1976 höchstens 10 Prozent der Stickoxid-Werte von 1971. Die Hersteller bekamen 1973 ein Jahr Aufschub und 1974 weitere Fristen bis zu den Modellen 1977 und 1978 (EBSCO Research Starters). 1975 kamen die ersten Katalysatoren und mit ihnen bleifreies Benzin (US-Umweltbehörde EPA).

Brutto gegen Netto: derselbe Motor, 22 Prozent weniger

Bis 1971 lief der Motor auf dem Prüfstand ohne Lichtmaschine und Wasserpumpe, mit freien Krümmern und optimaler Zündung. Ab 1972 wurde er so gemessen, wie er im Auto sitzt, mit Serienauspuff, Serienvergaser und allen Nebenaggregaten; beide Verfahren liefen auf dem Motorprüfstand, nicht auf dem Rollenprüfstand (Chevy Hardcore). Ein kalifornisches Gesetz, das ab 1972 in der Werbung nur den Nettowert zuließ, löste die Umstellung der ganzen Branche aus (The Silo).

Motor1971 brutto (hp)1972 netto (hp)Differenz (hp)Differenz (%)
Chevrolet Corvette LT-1 350330255-75-22,7
Oldsmobile 4-4-2 W-30 455350300-50-14,3
Plymouth GTX 440370280-90-24,3
Chevrolet Chevelle 454 LS5365270-95-26,0

Die Prozentwerte sind die Differenz geteilt durch den Bruttowert, beim LT-1 also 75 / 330 = 22,7 Prozent. Beim Chevelle liegt der Zwischenschritt vor: Der LS5 war 1971 brutto mit 365 hp und netto mit 285 hp angegeben (ClassicCars Journal). Von 365 auf 285 sind es 80 hp oder 21,9 Prozent, allein durch das Messverfahren. Bis zu den 270 hp von 1972 kommen weitere 15 hp dazu, bei einer Verdichtung, die von rund 8,5:1 auf rund 8,25:1 gefallen war.

Wer die Zahlen nach Österreich übertragen will, rechnet in zwei Schritten. Ein mechanisches hp sind laut NIST 745,7 Watt, eine Pferdestärke nach der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt 735,49875 Watt. Der LS6 mit 450 hp brutto: 450 × 745,7 W = 335,6 kW, geteilt durch 0,73549875 kW je PS ergibt 456 PS. Der LS5 von 1972 mit 270 hp netto: 270 × 745,7 W = 201,3 kW oder 274 PS. 456 und 274 PS sind verschieden gemessen und gehören zu zwei verschiedenen Motoren.

Ölkrise, Ende und Neuauflage

Im Herbst 1973 verhängten arabische Mitglieder der OPEC ein Ölembargo gegen die USA und weitere Länder. Der Ölpreis verdoppelte sich zunächst und vervierfachte sich dann, im März 1974 endete das Embargo; zurück blieben Warteschlangen an den Tankstellen und neue Verbrauchsvorgaben (US-Außenministerium, Office of the Historian). Am 22. Dezember 1975 erließ der Kongress den Energy Policy and Conservation Act, der die Flottenverbrauchsnorm CAFE ab dem Modelljahr 1978 begründete (US-Energieministerium). Die Vorgabe lautete 18 Meilen je Gallone für 1978 und 27,5 für 1985 (EBSCO), umgerechnet 13,1 und 8,6 Liter auf 100 Kilometer (235,215 geteilt durch die Meilen je Gallone).

Das Ende kam in Etappen. Der Pontiac GTO wurde 1974 zum Paket für den Ventura, der Dodge Challenger lief im selben Jahr aus, beides steht in den jeweiligen Porträts. Einen Stichtag gibt es nicht; der Antique Automobile Club of America fasst die Epoche weit mit 1961 bis 1974.

Rund dreißig Jahre später begann die Neuauflage mit dem Ford Mustang der Baureihe S197. Der Mustang GT von 2005 hatte einen 4,6-Liter-V8 mit 300 hp und 320 lb-ft, beschleunigte in 5,2 Sekunden auf 60 mph, das ist weniger als die Hälfte der 13 Sekunden des Oldsmobile 88, und lief die Viertelmeile in 13,8 Sekunden bei 103 mph (MotorWeek). Ford zitierte in der Linie Stilmerkmale der Modelle von 1965 bis zu den frühen 1970ern; 2005 entstanden 160.412 Stück, davon 60.792 als GT (Mustang Specs). Seit der Umstellung von 1972 gelten solche Angaben netto.

Es folgten der Dodge Challenger von 2008 und der Chevrolet Camaro, dessen Rückkehr das Camaro-Porträt beschreibt. Beide Neuauflagen endeten fast gleichzeitig: Der Challenger lief im Dezember 2023 vom Band, beim Camaro war am 14. Dezember 2023 im Werk Lansing Schluss. GM ließ offen, ob der Name wiederkommt. Der Mustang, mit dem 1964 die Pony-Car-Linie begann, ist im Porträt zum ersten Mustang beschrieben; was die alten Wagen heute kosten und wie sie nach Österreich kommen, steht unter Muscle Cars heute und im Ratgeber zum Mustang-Import aus den USA.

Fragen zu Muscle Cars

Was ist der Unterschied zwischen Muscle Car und Pony Car?

Ein Pony Car wie der Mustang hat eine eigene, kompakte Karosserie; ein Muscle Car steckt einen großen Motor in einen Mittelklasse-Zweitürer. Mit Big-Block-Motor wie im Boss 429 überschneiden sich beide.

Welche Marken bauten Muscle Cars?

Von General Motors Pontiac, Chevrolet, Oldsmobile und Buick, von Chrysler Dodge und Plymouth, dazu Ford und AMC, dessen Javelin 401 1971 mit 330 hp brutto angegeben war.

Seit wann gibt es den Begriff Muscle Car?

Belegt ist er in Zeitschriften ab Januar 1964, als Definition ab Juni 1967. Zeitgenossen sagten meist Supercar.