Geländewagen: Winkel, Bodenfreiheit und Anbauten nach § 33 KFG

Fünf von sechs: So viele geometrische Anforderungen muss ein Pkw oder Klein-Lkw erfüllen, damit ihn die EU-Typgenehmigung als Geländefahrzeug einstuft. Der vordere Überhangwinkel muss mindestens 25 Grad betragen, der hintere und der Rampenwinkel je 20 Grad, die Bodenfreiheit unter Vorder- und Hinterachse je 180 Millimeter und zwischen den Achsen 200 Millimeter (Verordnung (EU) 2018/858, Anhang I Teil A Nr. 4.1). Dazu kommen ein Antrieb für beide Achsen, eine Differenzialsperre oder eine gleichwirkende Einrichtung und 25 Prozent Steigfähigkeit.
Die Winkel allein trennen Geländewagen und SUV nicht. Der Dacia Duster 4x4 kommt laut ADAC-Katalog auf 24 Grad Rampenwinkel, der Jeep Wrangler Unlimited Rubicon nur auf 20,8. Was einen Geländewagen ausmacht, steckt zusätzlich in Sperre und Antrieb, und was ihn im Alltag verändert, in den Anbauten.
Was Böschungswinkel, Rampenwinkel und Bodenfreiheit messen
„Böschungswinkel“ steht in den Datenblättern, die Verordnung spricht vom Überhangwinkel. Der Winkel vorn beschreibt, welche Rampe ein Auto anfahren kann, ohne dass der vordere Überhang aufsetzt; hinten gilt dasselbe beim Abfahren. Der Rampenwinkel gilt für Kuppen: Wie spitz darf der Scheitel sein, bevor der Unterboden zwischen den Achsen aufliegt? Gemessen wird nach ISO 612:1978 (Rampenwinkel Nr. 6.9, vorn 6.10, hinten 6.11), bei Pkw und Klein-Lkw unbeladen und mit einem Dummy auf dem Fahrersitz (Anlage 1 zu Anhang I in der englischen Fassung). Zuladung und Dachlast können die Werte deshalb gegenüber dem Datenblatt verschlechtern; wie viel das Dach tragen darf, steht im Ratgeber zum Dachzelt.
Bei der Bodenfreiheit gibt es zwei Messwerte. Zwischen den Achsen ist es der kürzeste Abstand zwischen Boden und dem tiefsten festen Punkt. Unter einer Achse ist es die Scheitelhöhe eines Kreisbogens, der durch die Mitte der Reifenaufstandsflächen läuft und den tiefsten festen Punkt zwischen den Rädern berührt.
Acht Datenblätter nebeneinander
| Modell und Ausführung | Reifen | Böschungswinkel vorn / hinten (°) | Rampenwinkel (°) | Bodenfreiheit (mm) | Wattiefe (mm) |
|---|---|---|---|---|---|
| Suzuki Jimny NFZ 1.5 Allgrip Pro (04/21 bis 08/24) | 195/80 R15 | 37,0 / 49,0 | 28,0 | 205 | - |
| Dacia Duster TCe 130 Extreme 4x4 (06/24 bis 04/25) | 215/65 R17 | 31,0 / 36,0 | 24,0 | 217 | - |
| Ford Ranger Doppelkabine Wildtrak X (03/23 bis 12/25) | 265/70 R17 | 30,0 / 25,6 | 22,0 | 235 | 800 |
| Jeep Wrangler Unlimited 2.0 T-GDI Rubicon (ab 08/24) | 255/75 R17 | 36,0 / 31,4 | 20,8 | 252 | 762 |
| Land Rover Defender 110 D200 S, Schraubenfedern (ab 06/25) | 255/65 R19 | 31,2 / 37,8 | 22,6 | 218 | 850 |
| Land Rover Defender 110 D350 X, Luftfederung (ab 06/25) | 275/45 R22 | 37,5 / 40,0 | 27,8 | 227 | 900 |
| Toyota Land Cruiser 2,8 D-4D Mild-Hybrid (Preisliste August 2026) | 265/65 R18 oder 265/60 R20 | 31 bis 32 / 22 | 25 | 205 bis 215 | 700 |
| Mercedes-Benz G 450 d lang (ab 01/25) | 265/60 R18 | 30,6 / 29,9 | 25,6 | 241 | 700 |
Die Zahlen gelten nur für die genannte Ausführung. Der ADAC führt die Bodenfreiheit beim Jimny und beim Ranger als Höchstwert, Toyota nennt eine Mindestbodenfreiheit als Spanne und ordnet sie keiner Ausführung zu. Der Jimny steht als Nutzfahrzeug der Klasse N1 im Katalog; was das bei Steuer und Versicherung ändert, rechnet der Ratgeber Geländewagen versichern vor.
Alle acht Zeilen liegen über den drei Winkelgrenzen der Verordnung. Wie weit die Quellen bei einem Modell auseinanderliegen können, zeigt der Wrangler: Jeep nannte für den Rubicon des Modelljahrs 2018 in den USA 44 Grad vorn, 27,8 Grad Rampe und 37 Grad hinten, der europäische Katalog führt 36, 20,8 und 31,4 Grad. Ob Karosserie, Reifen oder Markt den Unterschied machen, geht aus den Quellen nicht hervor. Die Wattiefe von 30 Zoll deckt sich dagegen mit den 762 Millimetern.
Rampenwinkel nachrechnen: der Radstand entscheidet
Als Näherung ohne Reifenrundung gilt: Rampenwinkel ≈ 2 × arctan (2 × Höhe ÷ Radstand), wobei die Höhe den tiefsten Punkt in der Mitte zwischen den Achsen meint. Nimmt man für alle Autos dieselbe Höhe von 300 Millimetern an, bleibt der Radstand als einzige Variable:
| Modell | Radstand (mm) | Rechenweg | Näherung (°) | Datenblatt (°) |
|---|---|---|---|---|
| Suzuki Jimny | 2.250 | 2 × arctan (600 ÷ 2.250) | 29,9 | 28,0 |
| Toyota Land Cruiser | 2.850 | 2 × arctan (600 ÷ 2.850) | 23,8 | 25 |
| Mercedes G 450 d | 2.890 | 2 × arctan (600 ÷ 2.890) | 23,5 | 25,6 |
| Jeep Wrangler Unlimited | 3.008 | 2 × arctan (600 ÷ 3.008) | 22,6 | 20,8 |
| Land Rover Defender 110 | 3.022 | 2 × arctan (600 ÷ 3.022) | 22,5 | 22,6 |
| Ford Ranger Doppelkabine | 3.320 | 2 × arctan (600 ÷ 3.320) | 20,5 | 22,0 |
Die Näherung trifft Größenordnung und Reihenfolge, nicht den Einzelwert, denn der tiefste Punkt sitzt nicht bei jedem Auto in der Mitte und nicht bei jedem 300 Millimeter hoch. Bei gleichem Radstand von 3.022 Millimetern liegen im Katalog 5,2 Grad zwischen dem Defender mit Schraubenfedern und dem mit Luftfederung.
Beim Böschungswinkel vorn lautet die Näherung arctan (Höhe ÷ Abstand zum Reifenaufstand). Für 25 Grad muss die tiefste Kante 600 Millimeter vor dem Reifen mindestens 0,466 × 600 = 280 Millimeter hoch liegen. Ein Stoßfänger mit Winde, dessen Unterkante bei gleicher Höhe erst 700 Millimeter vor dem Reifen endet, kommt nur auf arctan (280 ÷ 700) = 21,8 Grad. Beide Maße sind angenommen; die Rechnung zeigt, dass jeder Zentimeter Überhang Winkel kostet.
Reifen: der Durchmesser zählt, nicht die Felge
Die zweite Zahl der Reifengröße gibt die Flankenhöhe in Prozent der Breite an, die Zahl nach dem R den Felgendurchmesser, meist in Zoll (ADAC). Der Durchmesser ergibt sich aus Felge plus zweimal Flanke. Beim Land Cruiser nennt die Preisliste zwei Größen:
- 265/65 R18: 457,2 + 2 × 0,65 × 265 = 801,7 Millimeter
- 265/60 R20: 508 + 2 × 0,60 × 265 = 826,0 Millimeter
Der 20-Zöller ist 24,3 Millimeter höher und hebt die Achse damit um gut 12 Millimeter. Größere Felge heißt aber nicht größerer Reifen: Der Defender D350 X steht auf 275/45 R22 (558,8 + 2 × 0,45 × 275 = 806,3 Millimeter), der D200 S auf 255/65 R19 (482,6 + 2 × 0,65 × 255 = 814,1 Millimeter). Der 22-Zöller ist 7,8 Millimeter niedriger und trotzdem nennt der ADAC bei ihm 227 statt 218 Millimeter Bodenfreiheit. Dazwischen steht die Luftfederung. Land Rover gibt für den Defender 850 Millimeter Wattiefe mit Schraubenfedern und 900 mit Luftfederung an; den Wade-Modus gibt es nur mit Luftfederung.
Eine andere Reifen- oder Felgengröße als im Typenschein braucht keine Anzeige, wenn ein Verfahren die Größe für Typ und Ausführung schon für geeignet erklärt hat, die Auflagen eingehalten sind, am Fahrzeug nichts geändert werden muss und ein nach § 57a KFG Ermächtigter die fachgerechte Anbringung bestätigt. Nachweis und Bestätigung fahren mit (§ 22a Abs. 1 Z 1 lit. b KDV 1967). Alles andere läuft über § 33 KFG.
Antrieb: permanent, zuschaltbar, Untersetzung, Sperre
Bei permanentem Allrad laufen alle Räder immer mit, dafür braucht es ein Mitteldifferential, das bei Geländewagen oft sperrbar ist. Beim zuschaltbaren System treibt eine Achse, die andere kommt über eine Kupplung dazu (Auto Revue). Der Land Cruiser hat laut Preisliste Allradantrieb permanent, in der Ausführung Executive eine elektronisch sperrbare Hinterachse und in der Lounge ein Torsen-Sperrdifferential. Suzuki beschreibt die vierte Jimny-Generation als zuschaltbaren Allradantrieb mit Untersetzungsgetriebe auf Leiterrahmen und Starrachsen.
Die Untersetzung ist keine Nebensache: Das Offroad-Training mit eigenem Fahrzeug am Red Bull Ring (ab 183 Euro) ist ausschließlich mit Geländeuntersetzung möglich. Wie man sie fährt, steht im Ratgeber Offroad fahren in Österreich. Reine Mechanik schreibt die Verordnung nicht vor: Treiben elektrische oder hydraulische Einzelradantriebe die Achsen, müssen mindestens 75 Prozent der Antriebskraft auf ein Rad übertragbar sein, und der Antrieb darf nicht vor 75 Prozent der Höchstgeschwindigkeit oder 65 km/h aussetzen (Nr. 4.5). Bei geländegängigen Fahrzeugen der Klassen M1 und N1 zählt für Anhänger mit Auflaufbremse als einziger Bremse das 1,5-Fache des zulässigen Gesamtgewichts (§ 61 KDV 1967). Der Ratgeber Fahren mit Anhänger zeigt, wie beides zusammenspielt.
Winde, Bügel, Höherlegung: was § 33 KFG verlangt
Jede Änderung, die Verkehrs- und Betriebssicherheit oder Umweltverträglichkeit beeinflussen kann, muss der Zulassungsbesitzer unverzüglich dem Landeshauptmann anzeigen (§ 33 Abs. 1 KFG). Anzeigefrei sind Teile, die typgenehmigt sind oder die die Behörde auf ein Gutachten eines bestellten Sachverständigen hin für Type und Ausführung für geeignet erklärt hat; der Bescheid fährt als Abschrift mit. Berührt die Änderung wesentliche technische Merkmale, braucht das Fahrzeug eine Einzelgenehmigung (Abs. 2). Änderungen, die Eigenschaften oder Wirkung im Sinn der Sicherheit herabsetzen können, sind unzulässig (Abs. 6).
Die Liste der anzeigefreien Teile steht in § 22a KDV 1967. Dort finden sich Frontschutzsysteme nach Verordnung (EG) Nr. 78/2009, deren Typgenehmigungsbogen samt Nachtrag mitzuführen ist, und Anhängekupplungen mit Genehmigung nach UN-Regelung Nr. 55. Seilwinde, Schnorchel und Fahrwerk kommen in der Liste nicht vor. Bei starren Bullbars sah das Verkehrsministerium schon 2005 in der Genehmigungspraxis ein De-facto-Verbot des nachträglichen Anbaus; Grundlage ist § 4 Abs. 2 KFG, der vermeidbare vorspringende Teile verbietet, die bei Unfällen schwere Verletzungen erwarten lassen.
Für alles andere gibt es einen festen Ablauf: Termin bei der Technischen Prüfstelle des Amtes der Landesregierung im Bundesland des Hauptwohnsitzes, mit Genehmigungsdokument, Werkstattbestätigung und, wo nötig, Gutachten eines Ziviltechnikers oder Freigabe des Herstellers. Laut oesterreich.gv.at (Stand 12.01.2026) kostet das rund 26 Euro je Änderung plus 21 Euro für den Eintrag ins Genehmigungsdokument; eine Einzelgenehmigung bei wesentlichen Änderungen liegt bei rund 150 Euro. Ob der Einzelfall Anzeige oder Einzelgenehmigung braucht, entscheidet die Prüfstelle.
Winde und Bergegurt: Zugkraft aus dem Gesamtgewicht
Der Windenhersteller WARN rechnet die Mindestkapazität als zulässiges Gesamtgewicht × 1,5 (How to Choose the Right Winch). ARB verlangt für Bergegurte eine Mindestbruchkraft zwischen dem Zwei- und Dreifachen der Gesamtmasse, bezogen auf das leichtere der beiden Fahrzeuge; das Set RK11A enthält einen Gurt mit 17.600 Pfund (rund 8.000 Kilogramm) und zwei Schäkel mit angegebenen 4,75 Tonnen. Mit den Werten aus den Datenblättern ergibt sich:
| Fahrzeug | Zulässiges Gesamtgewicht (kg) | Winde mindestens, × 1,5 (kg) | Gurt, Mindestbruchkraft × 2 bis × 3 (kg) |
|---|---|---|---|
| Suzuki Jimny NFZ | 1.435 | 2.153 | 2.870 bis 4.305 |
| Toyota Land Cruiser (Obergrenze) | 3.150 | 4.725 | 6.300 bis 9.450 |
| Ford Ranger Wildtrak X | 3.280 | 4.920 | 6.560 bis 9.840 |
Der Gurt aus dem Set liegt mit 8.000 Kilogramm beim Land Cruiser und beim Ranger im Bereich, beim Jimny darüber.
Fragen zu Geländewagen-Technik
Wann gilt ein Auto als Geländewagen?
Wenn die Typgenehmigung es als Geländefahrzeug einstuft: Antrieb für beide Achsen, Sperre, 25 Prozent Steigfähigkeit und fünf von sechs Geometrieanforderungen. Die deutsche Anlage XXIX StVZO nennt für die Steigung noch 30 Prozent.
Wie groß ist der Böschungswinkel vorn bei Geländewagen?
Die Verordnung verlangt mindestens 25 Grad; die acht Datenblätter oben reichen von 30,0 Grad beim Ranger bis 37,5 Grad beim Defender mit Luftfederung.
Muss eine Seilwinde eingetragen werden?
Sie steht nicht in der Liste der anzeigefreien Teile in § 22a KDV; ob der Einzelfall eine Anzeige nach § 33 KFG braucht, klärt die Technische Prüfstelle des Landes.


